# Bildende Kräfte und Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit

Unter anderem eine kritische Betrachtung zu Hartmut Traubs Buch Philosophie und Anthropo-  
sophie, Stuttgart 2011

# Vorwort

# Zitate

> "Wir mögen die Sache anfassen wie wir wollen: immer klarer muß es werden, daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die andere voraussetzt nach dem Ursprunge des Denkens." Rudolf Steiner, Die Phi<span style="white-space: pre-wrap;">losophie der Freiheit, 1894, </span>[Kap. II., S. 26](https://archive.org/stream/bub_gb_X91AAAAAYAAJ#page/n29/mode/2up)<span style="white-space: pre-wrap;"> (In der Zweitauflage von 1918 GA-4, Dornach 1958, </span>[Kap. I. S. 15](https://archive.org/stream/rudolf-steiner-ga-004#page/n13/mode/2up)<span style="white-space: pre-wrap;"> / </span><span style="white-space: pre-wrap;">Ausgabe </span>[1995](http://fvn-archiv.net/PDF/GA/GA004.pdf), S.26 )

> Allen diesen Standpunkten gegenüber muß geltend gemacht werden, daß uns der Grund- und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen Bewußtsein entgegentritt. Wir sind es selbst, die wir uns von dem Mutterboden der Natur loslösen, und uns als «Ich» der «Welt» gegenüberstellen. Klassisch spricht das Goethe in seinem Aufsatz «Die Natur» aus, wenn auch seine Art zunächst als ganz unwissenschaftlich gelten mag: «Wir leben mitten in ihr (der Natur) und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. » Aber auch die Kehrseite kennt Goethe: «Die Menschen sind alle in ihr und sie in allen.» \[\] So wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben, so wahr ist es, daß wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr. Es kann nur ihr eige nes Wirken sein, das auch in uns lebt. \[\] Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden. Eine einfache Überlegung kann uns diesen Weg weisen. Wir haben uns zwar losgerissen von der Natur; aber wir müssen doch etwas mit herübergenommen haben in unser eigenes Wesen. Dieses Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen, dann werden wir den Zusammenhang auch wieder finden. Das versäumt der Dualismus. Er hält das menschliche Innere für ein der Natur ganz fremdes Geistwesen und sucht dieses an die Natur anzukoppeln. Kein Wunder, daß er das Bindeglied nicht finden kann. Wir können die Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen. Das ihr Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der Führer sein. Damit ist uns unsere Bahn vorgezeichnet. Wir wollen keine Spekulationen anstellen über die Wechselwirkung von Natur und Geist. Wir wollen aber hinuntersteigen in die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da jene Elemente zu finden, die wir herübergerettet haben bei unserer Flucht aus der Natur. \[\] Die Erforschung unseres Wesens muß uns die Lösung des Rätsels bringen. Wir müssen an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen können: Hier sind wir nicht mehr bloß «Ich», hier liegt etwas, <span style="white-space: pre-wrap;">was mehr als «Ich» ist. “ Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, 2, 1918, GA-4, Dornach 1958, </span>[Kap. II,S.20 f.](https://archive.org/stream/rudolf-steiner-ga-004#page/n19/mode/2up)<span style="white-space: pre-wrap;"> (In der Erstauflage von 1894, </span>[Kap. III, S. 28 f.](https://archive.org/stream/bub_gb_X91AAAAAYAAJ#page/n35/mode/2up))

> "Will man nämlich die beste Grundlage schaffen zu anthropologisch-psychologischen Ergebnissen, die bis an die «Erkenntnis-Grenzorte» gehen, an denen sich Anthropologie mit Anthroposophie treffen muß, so kann dieses durch ein psychologisches Laboratorium geschehen, wie ein solches Brentano in Gedanken vorgeschwebt hat. Um die Tatsachen des «schauenden Bewußtseins» herbeizuführen, brauchten in einem solchen Laboratorium keine Experimentalmethoden gesucht zu werden; aber durch diejenigen Experimentalmethoden, die gesucht werden, würde sich offenbaren, wie die menschliche Wesenheit zu diesem Schauen veranlagt ist, und wie von dem gewöhnlichen das schauende Bewußtsein gefordert wird. Jeder, der auf dem anthroposophischen Gesichtspunkt steht, sehnt sich ebenso wie Brentano, in einem echten psychologischen Laboratorium arbeiten zu können, was durch die heute noch gegen die Anthroposophie herrschenden Vorurteile unmöglich ist." (Rudolf Steiner, Von Seelenrätseln,[<span style="white-space: pre-wrap;"> GA-21, Dornach 1983, S. 170 f.</span>](https://archive.org/stream/rudolf-steiner-ga-021#page/n169/mode/2up))

> "Dadurch, daß man in sich weiß, wie dieses aktive, dieses lebendige Denken, das nun den eigenen Lebenslauf zum Inhalt hat, hinauftaucht, dadurch weiß man auch, was seiner Wesenheit nach das gewöhnliche Denken ist. Man kann jetzt, vom imaginierenden Bewußtsein aus, auf dieses gewöhnliche Denken zurückschauen, und da kommt man zu der Erkenntnis: dieses gewöhnliche Denken hat ja in sich gar keine Realität. - In Wirklichkeit imaginiert nämlich jeder Mensch. Er imaginiert unbewußt und hat dieses substantielle Denken in sich. Aber weil er die Seelenkräfte nicht genügend verstärkt hat, deshalb ist er seelisch zu schwach, um das, was da in ihm drinnen ist, ins Bewußtsein heraufzuholen, und so ergreift er, wenn er denken will, immer seinen physischen Leib. Der wird ihm die Grundlage für das gewöhnliche Denken. Aber was entsteht da eigentlich? Nun, indem diese innere Aktivität, die ein unbewußtes Imaginieren ist, auch beim gewöhnlichen Bewußtsein, sich an den physischen Organismus wendet, schlüpft sie in diesen physischen Organismus hinein. Das, was man nicht weiß, was unbewußt bleibt, was dann in der imaginativen Erkenntnis als aktives Denken heraufleuchtet, das schlüpft beim gewöhnlichen Bewußtsein in den physischen Organismus hinein, bedient sich desselben und es wird nun als das, was es ist und das nicht weiß, weil es unbewußt bleibt, zurückgeworfen als innere Spiegelbilder. Das sind die gewöhnlichen Gedanken. Sie haben ebensowenig eine Realität, wie Spiegelbilder eine Realität haben gegenüber den Dingen, die vor dem Spiegel stehen. Es wird uns etwas zurückreflektiert von unserem physischen Leib, und das sind die Gedanken, die ins gewöhnliche Bewußtsein kommen - lediglich Spiegelbilder. Wer sie daher erlebt, diese Gedanken, der erlebt in ihnen kein Substantielles. Es ist kein Saft und keine Kraft in diesen Gedanken des gewöhnlichen Bewußtseins. In dem Augenblick dagegen, wo das aktive Denken im Imaginieren eintritt, da ist Substanz im Denken. In jedem imaginierten Gedanken ist Substanz, ist Saft und Kraft drinnen. Man weiß: Man lebt mit diesem imaginierten Denken in einer solchen Kraft, wie die ist, die uns vom Kinde auf zum erwachsenen Menschen gemacht hat." (Der vorangehende Text des Autoreferates vom Französichen Kurs in ausführlicherer Vortragsform in GA-215, Dornach 1980, [S. 129 f](https://archive.org/stream/rudolf-steiner-ga-215#page/n127/mode/2up))

> "Das abstrakte Denken, das man heute allein kennt, ist mit dem Werkzeug des physischen Leibes erarbeitet. Es wird erlebt mit dem Werkzeuge des physischen Leibes, und das ist das Charakteristikon dessen, was die Menschheit in ihrer neueren Zeit, wo sie zu ihrem Vollbewußtsein aufgestiegen ist, sich errungen hat. Ein mit dem physischen Leibe errungenes Denken ist eigentlich gegenüber der geistigen Welt ein deplaciertes Denken. Denn gerade durch das, was ich eben charakterisiert habe, zeigt sich das Denken als angehörig der geistigen Welt. Es ist jetzt deplaciert, wenn sich der Mensch in seinem Denken der physischen Organisation bedient. Dadurch lebt das Denken in einem Element, das nicht sein ureigenes Element ist. Aber dadurch erlangt der Mensch auch in diesem Denken etwas, das er niemals erlangen könnte, wenn das Denken nur als Offenbarung aus Imagination, Inspiration und Intuition sich ergeben könnte. Dadurch, daß das Denken durch den physischen Organismus erarbeitet wird, hat es in seinem substantiellen Gehalt nichts in sich von der geistigen Welt. Es ist im Grunde genommen eine Tätigkeit, die bloß im physischen Organismus ausgeübt wird. Mit anderen Worten: Dieses abstrakte Denken erlebt nichts Wirkliches; es ist wie herausgepreßt, herausfiltriert aus der Imagination. Was erlebt wird, ist Schein. Was wir im abstrakten Denken erleben, ist Schein-Erleben gerade dadurch, daß wir vollbewußt werden in diesem Denken.  
> Zweierlei können wir in diesem Denken erleben. Einmal kann dasjenige, was wir in diesem abstrakten Denken als Schein-Erleben haben und was nicht selbst darauf Anspruch macht, etwas auszudrücken, Abbild der objektiven Natur werden. Dadurch erst hat der Mensch das errungen, worauf er heute so stolz ist: eine objektive Naturwissenschaft. Die Naturvorgänge draußen könnten von einem eigenen, mit Eigensubstanz erfüllten Denken nicht in einer objektiven Darstellung gegeben werden. Wir können solche Beschreibungen, wie sie in alten Zeiten von den Naturvorgängen gegeben sind, nicht als objektive Naturwissenschaft anerkennen. Gerade indem das Denken nur ein Scheinleben hat, bildet sich im Scheinleben die äußere Welt ab. In einem Denken, das nicht eine eigene Substanz hat, erscheint bildhaft die Substanz der äußeren Naturvorgänge. So verdankt die Menschheit in ihrem Fortschritt dem Umstande, daß sie sich ihr Vollbewußtsein in einem denkerischen Schein-Erleben errungen hat, die objektive Naturwissenschaft. Es wurde der Zeitraum, in welchem das abstrakte Denken heraufkam, auch die Zeit, in der die objektive Naturwissenschaft errungen worden ist.  
> Ein Zweites, das der Mensch diesem Aufschwunge zum abstrakten Denken verdankt, ist sein Erleben der Freiheit. Was man als moralische Impulse erlebt durch Imagination, Inspiration und Intuition, auch wenn man es so erlebt wie in alten Zeiten, traumhaft - wo es immer durch die Träume, die Instinkte und Emotionen des Organismus erlebt wurde, indem es ein Impuls zum Handeln wurde -, das übt immer auf den Menschen einen Zwang aus. Was immer man seinem Organismus als Trieb in seinem Handeln zugrunde legen muß, das treibt einen, zwingt einen da- und dorthin. Und das, was aus einer wirklichen ätherischen Welt herausgeholt wird in der Imagination als moralische Impulse, das zwingt mich; man kann nicht anders, als ihnen folgen. Ebenso ist es mit dem, was aus der Inspiration und aus der Intuition stammt. Nimmt aber der Mensch, indem er zwischen Geburt und Tod das Scheinleben des abstrakten Denkens erlebt - des reinen Denkens, das nichts ist als Denken, aber das durch den physischen Organismus ausgeführt wird -, nimmt er in dieses Denken die moralischen Impulse herein, so leben diese in dem reinen Denken, das nur ein Scheinleben hat und zu nichts zwingen kann, das ebensowenig zu etwas zwingen kann, wie Spiegelbilder zu etwas zwingen können. Was in der Wirklichkeit stößt, das zwingt mich; was aber bloß ein Scheinleben hat wie das, was wir im reinen Denken erleben, das kann einen Menschen nicht zwingen. Da muß ich mich selber entschließen, wenn ich ihm folgen will. Damit ist zu gleicher Zeit in diesem Schein-Erleben des Denkens die Möglichkeit der menschlichen Freiheit gegeben. Und indem moralische Impulse, die in der geistigen Welt wurzeln, hereinkommen und den Menschen erfüllen in diesem Schein erlebenden Denken, werden sie zu freien Impulsen.  
> Zweierlei also verdankt der Mensch seinem Aufschwunge zu dem Schein-Erleben im Denken: das Zeitalter der objektiven Naturwissenschaft und das Erringen der wirklichen Freiheit. Diese Beziehungen habe ich, ebenso wie ich das Erheben in die übersinnlichen Welten in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft» und in der «Theosophie» darstellte, so habe ich versucht, das Erringen des Freiheitsbewußtseins in der modernen Zeit in meiner «Philosophie der Freiheit» nach seiner Grundlegung hin darzustellen." (Französischer Kurs 1922, GA-215, Dornach 1980, [S. 41 ff](https://archive.org/stream/rudolf-steiner-ga-215#page/n39/mode/2up))

# Hinweise

Sofern es möglich war, habe ich mich bei meinen Literaturangaben auf Werkausgaben gestützt, die für den Leser im Internet frei zugänglich sind. Das sind in der Regel ältere, aber dafür gemeinfreie Ausgaben. Mir schien es wichtiger und fruchtbarer zu sein, dass der Leser sich auch an entlegeneren Orten der Welt selbst ein Bild anhand der Originalliteratur machen kann, als wenn er jeweils die neueste Werkausgabe für Studienzwecke zur Hand nehmen muss. Zumal deutschsprachige Ausgaben in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten ohnehin meist nicht zur Verfügung stehen. Und die Versorgung mit guten Bibliotheken selbst in Deutschland, abgesehen von Universitäten und Großstädten, nirgendwo gegeben ist.  
Etliche der besonders relevanten wissenschaftlichen Schriften und Texte zu unserem Thema finden Sie zum Download in der im Aufbau begriffenen freien digitalen Online-Bibliothek von Wilhelm Humerez. Für Arbeitszwecke in unterschiedlichen praktikablen Formaten. Für Leser, die besonders auch an Karl Bühler interessiert sind, vor allem interessant, da Wilhelm Humerez die schwer erhältlichen Teile II und III seiner ausgedehnten denkpsychologischen Untersuchung in seiner Bibliothek vorhält, die Paul Ziche nicht in seinem Sammelband Introspektion, Texte zur Selbstwahrnehmung des Ichs, Springerverlag, Wien New York, 1999 (siehe unten) aufgenommen hat. Es lohnt sich dort einmal einen Blick hineinzuwerfen. Siehe: [https://funktionspsychologie.de](https://funktionspsychologie.de)  
Den wichtigen ersten Teil von Bühlers Habilitationsschrift, den Wilhelm Humerez nicht anbieten konnte, finden Sie online [hier](http://ophen.org/pub-120141).  
Das vorläufige Inhaltsverzeichnis auf der nächsten Seite dient lediglich der besseren Orientierung. Es wird sich im Laufe der Zeit noch verändern. Auch die Seitenangaben verändern sich von Zeit zu Zeit und werden deswegen immer wieder einmal aktualisiert.

# Kapitel 1

# Lebendige Erkenntnistheorie Kants oder geistige Anschauung des Lebendigen?

Auf S. 40 ff seines Buches Philosophie und Anthroposophie, Stuttgart 2011, behandelt Hartmut Traub Steiners Dissertation von 1891 und hält ihm neben mancherlei Missverständnissen und Fehleinschätzungen Kants dann auf S. 46 auch vor, dass Steiner sich bei seiner Kantkritik viel zu sehr auf Kants synthetische Urteile a priori beschränkt habe. Er habe aber nicht gesehen, dass darin gerade nicht der Kern der Kantschen Philosophie liege. Traub unter Hinweis auf Kant: "In der synthetischen Einheit der Apperzeption, im «Ich denke», und nicht, wie Steiner unterstellt, in der Lehre von den synthetischen Urteilen a priori, liegt nach Kant der Urprung unbedingter Gewissheit. Den synthetischen Urteilen a priori \[...\] kommt als Kernstück der Transzendentalphilosophie eine abgeleitete aber keine unbedingte Gewissheit zu."[<sup>1</sup>](#bkmrk-footnote-1741515000220 " Hartmut Traub, Philosophie und Anthroposophie, Stuttgart 2011, S. 47 ")

Weiter fährt Traub mit Blick auf Steiners umfangreiches Werk Die Rätsel der Philosophie, S. 170 f[<sup>2</sup>](#bkmrk-footnote-1741515039216 "Rudolf Steiner, Die Rätsel der Philosophie (GA-18), S. 170 f. Das Erscheinungsjahr hat Hartmut Traub nicht mit angegeben, allerdings die Seitenzahl. Die fragliche von Traub paraphrasierte Textstelle findet der Leser in der Ausgabe von 1985, ebenso von 1968.") fort: "In der synthetischen Einheit der Apperzeption, im «Ich denke», und nicht, wie Steiner unterstellt, in der Lehre von den synthetischen Urteilen a priori, liegt nach Kant der Ursprung unbedingter (theoretischer) Gewissheit. Den synthetischen Urteilen a priori ... kommt als Kernstück der Transzententalphilosophie eine abgeleitete aber keine unbedingte Gewissheit zu. \[\] Nimmt man diese Sachverhalte einmal zur Kenntnis und fügt hinzu, dass Kant das «Ich denke» ebenso wie die (Verstandes) Begriffe und Urteile, ja selbst die sinnlichen Wahrnehmungen als eine lebendige Handlungstheorie menschlicher Erkenntnis und Erfahrung konzipiert (Begriffe sind Handlungen des Verstandes und Wahrnehmungen vollziehen synthetische Operationen), so ist es unerklärlich, dass Steiner bis in seine Spätschriften hinein behauptet hat und davon überzeugt war, dass Kants Erkenntnistheorie der Charakter des Lebendigen abgeht; und dass es vielmehr Goethe gewesen sei, der dem Ich «die lebendige Idee verschafft» und dem Selbstbewusstsein des Ich damit zu «lebenvoller Wirklichkeit» verholfen habe."[<sup>3</sup>](#bkmrk-footnote-1741515060854 "Hartmut Traub, Philosophie und Anthroposophie, Stuttgart 2011, S. 47.")

Ohne Zweifel lässt sich sachlich begründet darüber debattieren, ob Steiner das von Traub genannte Zentrum der Philosophie Kants, dessen Ich denke, in seinen philosophischen Frühschriften hinreichend sorgfältig in den Blick genommen hat. Nicht debattieren lässt sich meiner Meinung nach allerdings darüber, wie die von Traub kritisch hervorgehobenen Gedanken Steiners aus der GA-18 in dieser Frage zu gewichten sind. - Sie sind wenig brauchbar, um für das aufgeworfene Problem - hat Kant nach Steiners Einschätzung eine lebendige Erkenntnistheorie konzipiert oder nicht? - argumentativ in Stellung gebracht zu werden. Denn Steiner behandelt in dem von Traub wiedergegebenen Text nicht die Frage, ob Kants Erkenntnistheorie in irgend einem Sinne einen lebendigen Charakter hat oder nicht, sondern es geht ihm ganz grundsätzlich um die philosophische respektive wissenschaftliche Erkenntnis und Erklärung  
des Lebendigen bzw lebender Wesen.

Noch im Absatz vor dem von Traub aufgenommenen Text macht Steiner in GA-18 auf S. 169 f dies deutlich unter Hinweis auf Kants Kritik der Urteilskraft (nachfolgend abgekürzt mit KrdU), aus deren einleitenden Worten zum § 78 er Kant mit folgenden Worten zitiert: "Es liegt der Vernunft unendlich viel daran, den Mechanismus der Natur in ihren Erzeugungen nicht fallen zu lassen und in der Erklärung derselben nicht vorbeizugehen; weil ohne diesen keine Einsicht in die Natur der Dinge erlangt werden kann.", so Kant dort auf S. 276 seiner Schrift. Und weiter: "Wenn man uns gleich einräumt: daß ein höchster Architekt die Formen der Natur, so wie sie von jeher da sind, unmittelbar geschaffen, oder die, so sich in ihrem Laufe kontinuierlich nach eben demselben Muster bilden, prädeterminiert habe, so ist doch dadurch unsere Erkenntnis der Natur nicht im mindesten gefördert; weil wir jenes Wesens Handlungsart und die Ideen desselben, welche die Prinzipien der Möglichkeit der Naturwesen enthalten sollen, gar nicht kennen, und von demselben als von oben herab die Natur nicht erklären können."[<sup>4</sup>](#bkmrk-footnote-1741515238043 "Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, fünfte Auflage, herausgegeben von Karl Vorländer, Leipzig 1922, § 78, S. 276 f. Im Internet frei erhältlich unter: http://ia700409.us.archive.org/24/items/kritikderurteils00kantuoft/kri - tikderurteils00kantuoft.pdf")

<div class="footnotes" id="bkmrk-1-hartmut-traub%2C-phi">---

<div>[<sup>1</sup>](#bkmrk-1-hartmut-traub%2C-phi) Hartmut Traub, Philosophie und Anthroposophie, Stuttgart 2011, S. 47</div><div>[<sup>2</sup>](#bkmrk-1-hartmut-traub%2C-phi) Rudolf Steiner, Die Rätsel der Philosophie (GA-18), S. 170 f. Das Erscheinungsjahr hat Hartmut Traub nicht mit angegeben, allerdings die Seitenzahl. Die fragliche von Traub paraphrasierte Textstelle findet der Leser in der Ausgabe von 1985, ebenso von 1968.</div><div>[<sup>3</sup>](#bkmrk-1-hartmut-traub%2C-phi) Hartmut Traub, Philosophie und Anthroposophie, Stuttgart 2011, S. 47.</div><div>[<sup>4</sup>](#bkmrk-1-hartmut-traub%2C-phi) Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, fünfte Auflage, herausgegeben von Karl Vorländer, Leipzig 1922, § 78, S. 276 f. Im Internet frei erhältlich unter: http://ia700409.us.archive.org/24/items/kritikderurteils00kantuoft/kri - tikderurteils00kantuoft.pdf</div></div>

# Kapitel 2

# Bildende Kräfte bei Kant und Steiner

Diese Sachlage - Suche nach einer Erkenntnis des Lebendigen - lässt sich spannenderweise noch näher pointieren, und das scheint mir philosophiegeschichtlich von einigem Interesse. Denn Gegenstand Steiners ist im fraglichen Kontext von GA-18 im engeren Sinne dasjenige, was Kant in der Kritik der Urteilskraft (§ 65, S. 237) die bildenden Kräfte nennt, die allen Lebewesen organisierend zugrunde liegen. Dies ist insofern bemerkenswert, weil Steiner in geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen selbst von geistigen Bildekräften spricht, welche unter anderem die von Kant angedeutete Funktion haben. Sie liegen dem Leben als geistig organisierende Kräfte zugrunde, welche verhindern, dass der physische Organismus, sofern er nur den physikalischen und chemischen Naturkräften überlassen bleibt, zerfällt und zugrunde geht. Und sie sind für Steiner auch Träger der menschlichen Gedankenbildung - etwas, was Kant allerdings in der Kritik der Urteilskraft nicht andeutet.

Anthroposophische Leser, vor allem wenn sie pädagogisch oder medizinisch orientiert sind, werden diese Eigenschaften der Bildekräfte als Basis des Lebens und Denkens vielleicht kennen. In der Pädagogik und Entwicklungslehre Steiners nämlich spielen sie eine grosse Rolle, dergestalt, dass die den menschlichen Organismus aufbauenden und gestaltenden Bilde-Kräfte zunächst ganz auf diesen organischen Aufbau hin orientiert sind. Und entsprechend die Denkkräfte in dem Masse frei werden, in dem die Reifevorgänge des Organismus im Laufe der Kindheit und Jugend ihrem Abschluss entgegen gehen. Diese Dinge hängen für Steiner eng und pädagogisch bedeutsam mit einander zusammen, wie er noch kurz vor seinem Tode in dem gemeinsam mit Ita Wegmann herausgegebenen Buch Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA-27, Dornach 1991, S. 12 f betont: "Es ist von der allergrößten Bedeutung zu wissen, daß die gewöhnlichen Denkkräfte des Menschen die verfeinerten Gestaltungs- und Wachstumskräfte sind. Im Gestalten und Wachsen des menschlichen Organismus offenbart sich ein Geistiges. Denn dieses Geistige erscheint dann im Lebensverlaufe als die geistige Denkkraft. \[\] Und diese Denkkraft ist nur ein Teil der im Ätherischen webenden menschlichen Gestaltungs- und Wachstumskraft. Der andere Teil bleibt seiner im menschlichen Lebensbeginne innegehabten Aufgabe getreu. Nur weil der Mensch, wenn seine Gestaltung und sein Wachstum vorgerückt, das ist, bis zu einem gewissen Grade abgeschlossen sind, sich noch weiter entwickelt, kann das Ätherisch-Geistige, das im Organismus webt und lebt, im weiteren Leben als Denkkraft auftreten. \[\] So offenbart sich der imaginativen geistigen Anschauung die bildsame (plastische) Kraft als ein Ätherisch-Geistiges von der einen Seite, das von der andern Seite als der Seelen-Inhalt des Denkens auftritt."[<sup>1</sup>](#bkmrk-footnote-1741515347799 " Es ist keineswegs eine vereinzelte Stelle, an der Steiner auf diesen Zusammenhang hinweist. Aber eine beson- ders eindrückliche und plakative. Er verwendet hier in Anlehnung an ältere esoterische Traditionen den Ausdruck Ätherisches und Ätherleib, der bei ihm gebräuchlicher ist, aber dasselbe besagt wie Bildekräfte und Bildekräfte- leib. Siehe zum diesbezüglichen Sprachgebrauch Steiners Erläuterung in der Schrift Von Seelenrätseln, GA-21, Dornach 1976, S. 160. Vortragsweise erwähnt Steiner auch, dass der Ausdruck Äther bzw Ätherleib älteren esote- rischen Traditionen entstammt. Siehe etwa GA-82, Dornach 1994, S. 128, Vortrag vom 10. April 1922. Siehe ferner Steiners ausführliche Darlegungen im sogenannten französischen Kurs von 1922, GA-25, Dornach 1979 (1999).")

<div class="footnotes" id="bkmrk-1-es-ist-keineswegs-">---

<div>[<sup>1</sup>](#bkmrk-1-es-ist-keineswegs-) Es ist keineswegs eine vereinzelte Stelle, an der Steiner auf diesen Zusammenhang hinweist. Aber eine beson- ders eindrückliche und plakative. Er verwendet hier in Anlehnung an ältere esoterische Traditionen den Ausdruck Ätherisches und Ätherleib, der bei ihm gebräuchlicher ist, aber dasselbe besagt wie Bildekräfte und Bildekräfte- leib. Siehe zum diesbezüglichen Sprachgebrauch Steiners Erläuterung in der Schrift Von Seelenrätseln, GA-21, Dornach 1976, S. 160. Vortragsweise erwähnt Steiner auch, dass der Ausdruck Äther bzw Ätherleib älteren esote- rischen Traditionen entstammt. Siehe etwa GA-82, Dornach 1994, S. 128, Vortrag vom 10. April 1922. Siehe ferner Steiners ausführliche Darlegungen im sogenannten französischen Kurs von 1922, GA-25, Dornach 1979 (1999).</div></div>