Bildende Kräfte bei Kant und Steiner
Diese Sachlage - Suche nach einer Erkenntnis des Lebendigen - lässt sich spannenderweise noch näher pointieren, und das scheint mir philosophiegeschichtlich von einigem Interesse. Denn Gegenstand Steiners ist im fraglichen Kontext von GA-18 im engeren Sinne dasjenige, was Kant in der Kritik der Urteilskraft (§ 65, S. 237) die bildenden Kräfte nennt, die allen Lebewesen organisierend zugrunde liegen. Dies ist insofern bemerkenswert, weil Steiner in geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen selbst von geistigen Bildekräften spricht, welche unter anderem die von Kant angedeutete Funktion haben. Sie liegen dem Leben als geistig organisierende Kräfte zugrunde, welche verhindern, dass der physische Organismus, sofern er nur den physikalischen und chemischen Naturkräften überlassen bleibt, zerfällt und zugrunde geht. Und sie sind für Steiner auch Träger der menschlichen Gedankenbildung - etwas, was Kant allerdings in der Kritik der Urteilskraft nicht andeutet.
Anthroposophische Leser, vor allem wenn sie pädagogisch oder medizinisch orientiert sind, werden diese Eigenschaften der Bildekräfte als Basis des Lebens und Denkens vielleicht kennen. In der Pädagogik und Entwicklungslehre Steiners nämlich spielen sie eine grosse Rolle, dergestalt, dass die den menschlichen Organismus aufbauenden und gestaltenden Bilde-Kräfte zunächst ganz auf diesen organischen Aufbau hin orientiert sind. Und entsprechend die Denkkräfte in dem Masse frei werden, in dem die Reifevorgänge des Organismus im Laufe der Kindheit und Jugend ihrem Abschluss entgegen gehen. Diese Dinge hängen für Steiner eng und pädagogisch bedeutsam mit einander zusammen, wie er noch kurz vor seinem Tode in dem gemeinsam mit Ita Wegmann herausgegebenen Buch Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA-27, Dornach 1991, S. 12 f betont: "Es ist von der allergrößten Bedeutung zu wissen, daß die gewöhnlichen Denkkräfte des Menschen die verfeinerten Gestaltungs- und Wachstumskräfte sind. Im Gestalten und Wachsen des menschlichen Organismus offenbart sich ein Geistiges. Denn dieses Geistige erscheint dann im Lebensverlaufe als die geistige Denkkraft. [] Und diese Denkkraft ist nur ein Teil der im Ätherischen webenden menschlichen Gestaltungs- und Wachstumskraft. Der andere Teil bleibt seiner im menschlichen Lebensbeginne innegehabten Aufgabe getreu. Nur weil der Mensch, wenn seine Gestaltung und sein Wachstum vorgerückt, das ist, bis zu einem gewissen Grade abgeschlossen sind, sich noch weiter entwickelt, kann das Ätherisch-Geistige, das im Organismus webt und lebt, im weiteren Leben als Denkkraft auftreten. [] So offenbart sich der imaginativen geistigen Anschauung die bildsame (plastische) Kraft als ein Ätherisch-Geistiges von der einen Seite, das von der andern Seite als der Seelen-Inhalt des Denkens auftritt."1