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Witzenmanns erinnerungstheoretischer Lösungsansatz destruiert Steiners Empirismus

Ich sagte eingangs, daß Steiners Ausdruck von der "Unbeobachtbarkeit" des aktuellen Denkens, je nach unserer Verständnisart, nicht folgenlos bleiben könne für die empiristische Grundüberzeugung der Steinerschen Philosophie und auch nicht ohne Folgen geblieben sei. Eben dies, so meine ich, läßt sich der oben besprochenen Untersuchung Herbert Witzenmanns ablesen: Da die immanente Logik des von Witzenmann unterstellten Beobachtungsbegriffes seinen Untersuchungen Richtung und Resultat aufzwingt, wird Steiners Aporie nicht theorieimmanent bewältigt, sondern es wird Steiners Erkenntnistheorie umgeformt, und zwar an einer Stelle, die man als ihren Kern- und Angelpunkt bezeichnen kann: an ihrer empirischen Basis. Die Beobachtungsaporie wird von Witzenmann gelöst um den Preis der Annullierung eben dieser empirischen Basis. Wenn man mit Thomas S. Kuhn das Auswechseln des zentralen Bereichs einer umfassenderen Theorie infolge ihrer inneren Widersprüche oder widerstreitender Beobachtungen einen "Paradigmenwechsel" nennen will, dann muß man Witzenmanns Resultat als einen solchen "Paradigmenwechsel" bezeichnen. Dieser "Paradigmenwechsel" zeigt sich bei Witzenmann darin, daß ihm plötzlich die Frage, "wie aus Unbeobachtbarem Erinnerungen werden können?", zur "erkenntnistheoretischen Grundfrage" wird: "Die Möglichkeit des Erinnerns aus Unbeobachtbarem, worin die erkenntniswissenschaftliche Grundfrage zu erblicken ist, wurde durch die vorausgehenden Ausführungen anhand seelischer Beobachtungen zum Verständnis gebracht. Sie erklärt sich daraus, daß der nicht beobachtbare Grundvorgang der Strukturbildung seine Spuren in den erinnerungbildenden Konditionen und Dispositionen hinterläßt."1  Entsprechend lautet der Untertitel seiner Arbeit auch konsequenterweise: "Die erkenntniswissenschaftliche Fundamentalbedeutung der Erinnerungskunde".2  Wir stellen uns angesichts dieses folgenschweren Fazits die Frage: Was heißt hier "nicht beobachtbar"? Und wo sind die entsprechenden Witzenmannschen Untersuchungen der Steinerschen Begründungen für Unbeobachtbarkeit, welche die Kongruenz seines Beobachtungsbegriffes mit dem Steinerschen belegen könnten?

Man beachte, daß Herbert Witzenmann hier nicht von »einer« erkenntniswissenschaftlichen Grundfrage spricht, was ja immerhin denkbar wäre, falls mehrere Gleichberechtigte davon existieren,3  sondern von »der« Grundfrage der Erkenntniswissenschaft. Der Singular ist mit Bedacht gewählt. Es gibt nur eine einzige solche Frage und alle übrigen liegen in der Rangordnung hinter ihr. Die erkenntniswissenschaftliche Grundfrage Witzenmanns lautet nicht mehr wie bei Steiner: »Was ist Erkenntnis?« sondern: »Wie kann Unbeobachtbares zur Erinnerung werden?«. Jedem, der sich näher mit Steiners Erkenntnistheorie befaßt hat, müßte greifbar sein, was das bedeutet. Im Klartext heißt das: Witzenmann behauptet die Uneinlösbarkeit von Steiners erkenntniswissenschaftlichem Programm auf dem von Steiner anvisierten Wege. Steiners philosophische Systematik wird buchstäblich auf den Kopf gestellt und entkernt, weil anders die Beobachtungsaporie für Witzenmann offenbar nicht zu lösen ist - es findet eine regelrechte Umstülpung statt. Wir stehen am Ende von Witzenmanns Untersuchung vor einem Sachverhalt, den Steiner eigentlich immer ausgeschlossen hat - einer Rückführung des Denkens auf nicht Erfahrbares, also nicht Gegebenes. Unser zentrales erkenntnistheoretisches Prinzip ist nicht mehr empirisch gegeben, sondern ein Resultat von Schlußfolgerungen. Denn, was wir beobachten, sind Erinnerungen und für die Herkunft dieser Erinnerungen haben wir keine unmittelbare Beobachtungsbasis - im Zentrum unserer Erkenntnistheorie stehen nicht mehr die empirischen Erfahrungen des Denkens, sondern die Witzenmannschen Konstrukte von "Disposition" und "Kondition".

Hinter dieser Witzenmannschen Umstülpung steht nicht nur ein ungeklärter Steinerscher Begriff von "Denk-Beobachtung" sondern auch eine Verkennung der erkenntnistheoretischen Systematik Steiners. Es ist eben jene Verkennung, die Steiner seinen Zeitgenossen in der "Philosophie der Freiheit" vorhält, wenn er sagt: "Es ist nicht zu leugnen: Ehe anderes begriffen werden kann, muß es das Denken werden. Wer es leugnet, der übersieht, daß er als Mensch nicht ein Anfangsglied der Schöpfung, sondern deren Endglied ist. Man kann deswegen behufs Erklärung der Welt durch Begriffe nicht von den zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern von dem, was uns als das Nächste, als das Intimste gegeben ist. Wir können uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der Welt versetzen, um da unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen von dem gegenwärtigen Augenblick ausgehen und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem Früheren aufsteigen können. ... Solange die Philosophie alle möglichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom, Bewegung, Materie, Wille, Unbewußtes, wird sie in der Luft schweben. Erst wenn der Philosoph das absolut Letzte als sein Erstes ansehen wird, kann er zum Ziele kommen. Dieses absolut Letzte, zu dem es die Weltentwickelung gebracht hat, ist aber das Denken.4 Witzenmanns erkenntnistheoretische Grundfrage, "Wie aus Unbeobachtbarem Erinnerungen werden können?" und seine Konstrukte von "Kondition" und "Disposition" überspringen buchstäblich dieses "absolut Letzte" und lassen es von der Erinnerungsfrage abhängig werden, weil jenes in Witzenmanns Augen nicht beobachtbar ist. Was Witzenmann an die Stelle der empirischen Denk-Erfahrung setzt, sind hypothetische Erklärungsgründe. Witzenmann folgt also nicht Steiners Vorschlag, von diesem "Letzten" oder "Späteren" zu dem "Früheren aufzusteigen" sondern - wenn wir seine erkenntnistheoretische Grundfrage ernst nehmen - sein erkenntnistheoretischer Ausgangspunkt ist bereits ein Teil dieses Früheren; er setzt den zweiten Schritt vor den ersten.

Daß unsere Denk-Beobachtung etwas mit Erinnerungen zu tun hat, ist dabei gar keine Frage. Insofern sind Witzenmanns Bemühungen im Rahmen einer Erinnerungstheorie sachlich gerechtfertigt und werden hier nicht bemängelt. Wenn man sie unter ausschließlich erinnerungstheoretischen Aspekten betrachtet, sind sie sogar außerordenlich interessant - ich habe darauf im Jahrbuch 97 schon hingewiesen. Was wir neben der ungeklärten Begrifflichkeit kritisieren ist vielmehr die von Witzenmann unterstellte erkenntnistheoretische Dignität einer erinnerungstheoretischen Untersuchung. Man kann auf der Basis erinnerungstheoretischer Untersuchungen keine erkenntnistheoretische Grundfrage stellen, und man kann in Steiners Augen auch nicht von der Erinnerungsfrage zum Denken »Absteigen«, sondern lediglich vom Denken zur Erinnerungsfrage »Aufsteigen«. Und genau das ist bei Witzenmann nicht mehr möglich. Wie sollten wir denn etwas Sicheres über die Erinnerungsfrage ausmachen können, wenn nicht auf dem Wege des Denkens? Wenn wir Witzenmanns Weg einschlagen, dann wenden wir dagegen ein zweifelhaftes Erkenntnismittel (das Denken) auf die Lösung einer Frage an (die Erinnerung), die ihrerseits wiederum unseren Begriff des Denkens klarzustellen hätte. Das heißt wir bringen unseren Denkbegriff in epistemologische Abhängigkeit vom Erinnerungsbegriff, der seinerseits von einem Denken abhängig ist, dessen Tauglichkeit als Erkenntnismittel keinerlei Prüfung unterzogen worden ist und einer solchen auch gar nicht mehr unterzogen werden kann, denn es ist ja nicht aktuell beobachtbar. Daß auf diesem Wege das Denken völlig unvermögend wäre, sich selbst zu erklären, brauchen wir weiter gar nicht auszuführen, denn wie sollte sich das Denken selbst erklären und auf sich selbst gründen können, wenn es in erkenntnistheoretische Abhängigkeit von der Erinnerungsfrage gebracht ist?

Ähnliches gilt übrigens für Herbert Witzenmanns "Strukturphänomenologie", die den obigen Gedankengang noch wesentlich vertieft.5  Witzenmanns "Strukturphänomenologie" steht thematisch unmittelbar im Zusammenhang mit dem eben genannten Aufsatz und auch sie geht im wesentlichen der Erinnerungsfrage nach, was völlig einleuchtend ist, nachdem Witzenmann das Problem "wie aus Unbeobachtbarem Erinnerungen werden können" zur "erkenntnistheoretischen Grundfrage" erklärt hat. Wenn die empirische Basis von Steiners Erkenntniswissenschaft erst einmal in Abhängigkeit gebracht ist von der Erinnerungsfrage und diese letztere ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist, dann müssen sich alle erkenntniswissenschaftlichen Bemühungen zweifelsohne zuallererst auf das Erinnerungsproblem konzentrieren. So schreibt Witzenmann auf S. 25 seiner "Strukturphänomenologie" hinsichtlich der Unbeobachtbarkeit des aktuellen Denkens: "Wer sich mit dem Erzeugungscharakter der Grundstruktur bekannt gemacht hat, wird eines Problems gewahr, das ganz ähnlich auch im Hinblick auf das Denken, die Begriffsbildung auftritt. Denn das Hervorgebrachte (dies ist ebenso die Grundstruktur wie das Denken selbst) kann als ein solches ja erst beobachtet werden, nachdem es hervorgebracht wurde." Ich stelle erneut die Frage: Was heißt hier genau: "beobachtet"? Der Steinersche Begriff der "Beobachtung des Denkens" wird von Witzenmann hier in keiner Weise geklärt, so wenig wie die Steinerschen Gründe für die Unbeobachtbarkeit des aktuellen Denkens. Und auf diesem ungeklärten Begriff baut die gesamte "Strukturphänomenologie" auf.

Des weiteren sei eine Passage auf S. 50 f der Strukturphänomenologie angeführt. Witzenmann schreibt dort: "Urteile über den Aufbau der Gegenständlichkeit beurteilen noch nicht deren Gewahrwerden. Daher tritt die Frage nach der Erinnerung, nach deren Verweben in den Strukturaufbau nunmehr von neuem auf. Denn die strukturelle Eigenart von uns erzeugter Gestaltungsergebnisse kann nur im erinnernden Bezug auf ihren Ursprung erfaßt werden. Hierbei tritt aber, wie sich gezeigt hat, die aus der Selbstgebung folgende Eigentümlichkeit ein. Diese fordert die Erinnerungsförmigkeit ihres Ergebnisses, schließt deren Erfassung aber im gleichen Akt aus." Das "Selbstgegebene" bzw. das "Hervorgebrachte" ist laut Witzenmann sowohl die Grundstruktur wie das Denken selbst. Was soll es nun bedeuten, wenn Witzenmann sinngemäß sagt: "das Selbstgegebene fordere die Erinnerungsförmigkeit seines Ergebnisses und schließe ein »Erfassen« im gleichen Akt aus"? Was heißt hier: "Erfassen"? Ist mit dem "Erfassen" ein »Beobachten« gemeint oder ein »Wahrnehmen« respektive »Erfahren« oder beides? Und ist infolge der Selbstgebung nur die aktuelle »Beobachtung« dieser Selbstgebung ausgeschlossen oder auch ihre »Wahrnehmung« oder »Erfahrung«? Witzenmann selbst trifft eine solche begriffliche Unterscheidung nicht, woraus zu schließen ist, daß er beide Ausdrücke äquivalent benutzt und im Ausdruck des "Erfassens" zusammenzieht. Damit ist die Selbstgebung des Denkens aktuell nicht beobachtbar bzw. nicht erfaßbar, weil nicht erfahrbar. Aber ist sie das auch für Steiner? Bei Steiner schließt die Selbstgebung lediglich die gleichzeitige Beobachtung aus, aber das Faktum und die Inhalte der Selbstgebung sind unmittelbarer Erfahrungsbestandteil und sind entsprechend unmittelbar bewußt. Auf ihnen gründet sich nach Steiner jeder weitere Fortgang unseres Erkennens: "Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden andern Prozeß der Welt. Eben weil wir es selbst hervorbringen, kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht kommende Geschehen vollzieht. Was in den übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden werden kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis der einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare Weise."6  Steiner spricht nicht davon, daß das Selbstgegebene und die Selbstgebung nicht »erfaßbar« sei, sondern er sagt lediglich es sei nicht simultan »beobachtbar«. Was hat das nun für Folgen, wenn es laut Witzenmann auch nicht erfaßbar sein soll?

Auch in der "Strukturphänomenologie" finden wir keinerlei philologisch fundierte Auseinandersetzung mit Steiners Begriff der Denk-Beobachtung und den Steinerschen Gründen für das Beobachtungsverdikt - auch keinen rudimentären Versuch einer solchen Klärung, so daß Witzenmanns "Strukturphänomenologie" nur unter dem Vorbehalt der ungelösten Steinerschen Aporie und eines völlig ungeklärten Denk-Beobachtungsbegriffes zu lesen ist.

Mein Eindruck gegenüber Herbert Witzenmann ist, daß er in der Frage der Denk-Beobachtung vielleicht differenzierter geurteilt hätte, wenn er sich mit Steiners Begründungen für das Beobachtungsverdikt näher auseinandergesetzt hätte und wenn ihm der Charakter der unmittelbaren Denk-Erfahrung als begriffsloser, "reiner Erfahrung" oder "reiner Wahrnehmung" bewußt geworden wäre, was aber beides nie der Fall gewesen zu sein scheint. Auch dieser reine Erfahrungscharakter des Denkens und seine entsprechende Begriffslosigkeit wird von Witzenmann durchgängig übersehen.

Man kann übrigens, am Rande bemerkt, feststellen, wie sich die Erklärungslücke bezüglich des Steinerschen Denk-Beobachtungsbegriffes in der anthroposophischen Sekundärliteratur ohne weiteres fortträgt und dabei durch Zitieren und Verweis auf Sachautorität der Eindruck entsteht, eventuelle Unklarheiten seien längst beseitigt, obwohl im Grunde gar nichts geklärt ist. Letzteres können wir an Wilfried Gabriels Umgang mit unserem Problem studieren. Dieser spricht bei seiner Behandlung des Beobachtungsproblems von einer "ernsthaften Schwierigkeit", und verweist den Leser in diesem Zusammenhang an Witzenmanns "grundsätzliche Analyse"7   in dessen "Strukturphänomenologie", so daß der Eindruck entsteht, dort sei die Sache in einer umfänglichen Untersuchung befriedigend bearbeitet oder wenigstens im prinzipiellen Sinne vorangebracht. Bei näherer Sichtung der Witzenmannschen Schrift stellt sich aber heraus, daß diese zur Lösung der anstehenden Frage gar nichts hergibt, weil sie keine "grundsätzliche Analyse" unseres Problems ist, sondern eine Analyse, der die Grundlage fehlt, nämlich die grundlegende und klärende Auseinandersetzung mit Steiners eigenen Argumenten.


1 Herbert Witzenmann, Methodische Konsequenzen der Goetheschen Metamorphosenidee, in: Goethes universalästhetischer Impuls, Dornach 1987, S. 397.
2 Herbert Witzenmann, Methodische Konsequenzen der Goetheschen Metamorphosenidee, in: Goethes universalästhetischer Impuls, Dornach 1987, S. 334. Siehe im selben Sinne auch S. 386.
3 Zur "Grundfrage" der Erkenntnistheorie bei Steiner: In GA-1, 1973, Kap. IX, Goethes Erkenntnistheorie, betont Steiner, daß die Frage: "Was ist Erkenntnis?" die zentrale Frage der Erkenntnistheorie sei. So lesen wir zunächst auf S. 143 : "Die Erkenntnistheorie aber, die in der Gegenwart geradezu zur wissenschaftlichen Zeitfrage geworden ist, soll nichts weiter sein als die ausführliche Antwort auf die Frage: Wie ist Erkenntnis möglich? Auf Goethe angewendet, würde dann die Frage heißen: Wie dachte sich Goethe die Möglichkeit einer Erkenntnis? Bei genauerem Zusehen stellt sich aber heraus, daß die Beantwortung der gestellten Frage durchaus nicht an die Spitze der Erkenntnistheorie gestellt werden darf. Wenn ich nach der Möglichkeit eines Dinges frage, dann muß ich vorher dasselbe erst untersucht haben. Wie aber, wenn sich der Begriff der Erkenntnis, den Kant und seine Anhänger haben, und von dem sie fragen, ob er möglich ist oder nicht, selbst als durchaus unhaltbar erwiese, wenn er vor einer eindringenden Kritik nicht standhalten könnte?" Nach längeren Auseinandersetzungen folgt dann auf S. 157 das Fazit: "Damit haben wir der transzendenten Weltansicht Lockes, Kants, des späteren Schelling, Schopenhauers, Volkelts, der Neukantianer und der modernen Naturforscher eine wahrhaft immanente gegenübergestellt. Jene suchen den Weltgrund in einem dem Bewußtsein Fremden, Jenseitigen, die immanente Philosophie in dem, was für die Vernunft zur Erscheinung kommt. Die transzendente Weltansicht betrachtet die begriffliche Erkenntnis als Bild der Welt, die immanente als die höchste Erscheinungsform derselben. Jene kann daher nur eine formale Erkenntnistheorie liefern, die sich auf die Frage gründet: Welches ist das Verhältnis von Denken und Sein? Diese stellt an die Spitze ihrer Erkenntnistheorie die Frage: Was ist Erkennen? Jene geht von dem Vorurteil einer essentiellen Differenz von Denken und Sein aus, diese geht vorurteilslos auf das allein Gewisse, das Denken, los und weiß, daß sie außer dem Denken kein Sein finden kann." GA-2, 1973, S. 25. Dort spricht Steiner zunächst von "den Grundfragen" der Erkenntniswissenschaft und erläutert dies anschließend auf S. 25 f so: "Jede Wissenschaft hat ihr Gebiet, auf dem sie den Zusammenhang der Erscheinungen sucht. Dann bleibt noch immer ein großer Gegensatz in unseren wissenschaftlichen Bemühungen bestehen: die durch die Wissenschaften gewonnene ideelle Welt einerseits und die ihr zugrunde liegenden Gegenstände andererseits. Es muß eine Wissenschaft geben, die auch hier die gegenseitigen Beziehungen klarlegt. Die ideelle und reale Welt, der Gegensatz von Idee und Wirklichkeit, sind die Aufgabe einer solchen Wissenschaft. Auch diese Gegensätze müssen in ihrer gegenseitigen Beziehung erkannt werden. Diese Beziehungen zu suchen, ist der Zweck der folgenden Ausführungen. Die Tatsache der Wissenschaft einerseits und die Natur und Geschichte andererseits sind in ein Verhältnis zu bringen. Was für eine Bedeutung hat die Spiegelung der Außenwelt in dem menschlichen Bewußtsein, welche Beziehung besteht zwischen unserem Denken über die Gegenstände der Wirklichkeit und den letzteren selbst?" Wenn man diese Pluralität von Grundfragen in eine Rangordnung bringt, dann wird deutlich, daß die Frage: "Was ist Erkenntnis?" die entscheidende Frage ist, wie sich ebenfalls in GA-2, S. 137 f. zeigt: " Man sieht aus der ganzen Haltung dieser Erkenntnistheorie, daß es bei ihren Auseinandersetzungen darauf ankommt, eine Antwort auf die Frage zu gewinnen: Was ist Erkenntnis? Um dieses Ziel zu erreichen, wird zunächst die Welt der sinnlichen Anschauung einerseits und die gedankliche Durchdringung andrerseits ins Auge gefaßt. Und es wird nachgewiesen, daß im Durchdringen der beiden die wahre Wirklichkeit des Sinnenseins sich offenbart. Damit ist die Frage: «Was ist Erkennen?» dem Prinzipe nach beantwortet." Steiners Rostocker Dissertation bei Heinrich von Stein trug den Titel: "Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichtes Wissenschaftslehre. Prolegomena zur Verständigung des philosophischen Bewußtseins mit sich selbst". Siehe hierzu die Hinweise des Herausgebers zur 5. Auflage von GA-3, 1980, S. 93. In GA-3 , 1980, S. 26 f spricht Steiner zunächst auch von "den Grundfragen" der Erkenntnistheorie: "Wenn auch die Erkenntnistheorie als Voraussetzung aller übrigen Wissenschaften eine ganz besondere Stellung einnimmt, so ist dennoch vorauszusehen, daß auch in ihr ein erfolgreiches Fortschreiten in der Untersuchung nur dann möglich sein wird, wenn die Grundfragen in richtiger Form aufgeworfen werden."Gegenüber Kants Grundfrage: "Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?" (siehe GA-3, S. 29) macht Steiner u. a. auf S. 35 geltend: "Daß wir wirklich Erkenntnisse haben, die von aller Erfahrung unabhängig sind, und daß die letzteren nur Einsichten von komparativer Allgemeinheit liefern, könnten wir nur als Folgesätze von anderen Urteilen gelten lassen. Es müßte diesen Behauptungen unbedingt eine Untersuchung über das Wesen der Erfahrung und eine solche über das Wesen unseres Erkennens vorangehen. Aus jener könnte der erste, aus dieser der zweite der obigen Sätze folgen." Die Erinnerungsthematik ist für Steiner erkenntnistheoretisch allerdings ohne Gewicht. Gegebenenfalls ließen sich einige Ausführungen Steiners zur Erinnerung in GA-21,1976, S. 129 ff der Erkenntnistheorie zuordnen, weil sie in einen erkenntnistheoretischen Kontext gestellt werden. Gerade diese außerordentliche Divergenz zwischen Steiner und Witzenmann in der erkenntnistheoretischen Bewertung der Erinnerungsfrage macht den Schluß besonders plausibel, daß Witzenmann einem grandiosen Mißverständnis aufgesessen ist.
4 GA-4, S. 53. Siehe hierzu auch Steiners Ausführung in GA-4, 1978, S. 51 f. "Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf seinen Träger, das menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu nehmen. Die meisten Philosophen der Gegenwart werden mir einwenden: bevor es ein Denken gibt, muß es ein Bewußtsein geben. Deshalb sei vom Bewußtsein und nicht vom Denken auszugehen. Es gebe kein Denken ohne Bewußtsein. Ich muß dem gegenüber erwidern: Wenn ich darüber Aufklärung haben will, welches Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein besteht, so muß ich darüber nachdenken. Ich setze das Denken damit voraus. Nun kann man darauf allerdings antworten: Wenn der Philosoph das Bewußtsein begreifen will, dann bedient er sich des Denkens; er setzt es insoferne voraus; im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens aber entsteht das Denken innerhalb des Bewußtseins und setzt also dieses voraus. Wenn diese Antwort dem Weltschöpfer gegeben würde, der das Denken schaffen will, so wäre sie ohne Zweifel berechtigt. Man kann natürlich das Denken nicht entstehen lassen, ohne vorher das Bewußtsein zustande zu bringen. Dem Philosophen aber handelt es sich nicht um die Weltschöpfung, sondern um das Begreifen derselben. Er hat daher auch nicht die Ausgangspunkte für das Schaffen, sondern für das Begreifen der Welt zu suchen. Ich finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen vorwirft, daß er sich vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner Prinzipien, nicht aber sogleich um die Gegenstände bekümmert, die er begreifen will. Der Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen Träger für das Denken findet, der Philosoph aber muß nach einer sichern Grundlage suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen kann. Was frommt es uns, wenn wir vom Bewußtsein ausgehen und es der denkenden Betrachtung unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit, durch denkende Betrachtung Aufschluß über die Dinge zu bekommen, nichts wissen?" Diese Steinerschen Reflexionen sind auch auf Witzenmanns erinnerungstheoretische Gedankengänge anzuwenden: »Was frommt es uns, wenn wir vom Erinnerungs-Bewußtsein ausgehen und es der denkenden Betrachtung unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit, durch denkende Betrachtung Aufschluß über die Dinge zu bekommen, nichts wissen?«
5 Herbert Witzenmann, Strukturphänomenologie, Dornach 1983. Siehe dort etwa S. 25 f; S. 31 ff; S. 50 f.
6 GA-4, 1978, S. 44.
7 Wilfried Gabriel, Personale Pädagogik in der Informationsgesellschaft, Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bd. 240, S. 172.